Gesellschaft

Schmerzhafte Trennung

Wenn Oma und Opa die Enkel nicht sehen dürfen

Großeltern haben ein Recht auf ihre Enkel. Aber es auch zu bekommen, ist oft ein qualvoller Weg, der Geduld fordert© imago
Großeltern haben ein Recht auf ihre Enkel. Aber es auch zu bekommen, ist oft ein qualvoller Weg, der Geduld fordert

Ich weiß, dass es meinem Enkel schlechtgeht“, sagt Sabine Burkhard*. Ihr Mann nimmt ihre Hand. Beide kämpfen mit den Tränen. Sie haben ihr Enkelkind seit zwei Jahren nicht gesehen. Alles haben sie versucht, doch der Kampf scheint verloren. „Ich bin darüber krank geworden“, sagt die Großmutter. Zusammen mit neun anderen Großelternteilen sitzt sie in einer Selbsthilfegruppe für Großeltern, denen der Kontakt zu ihren Enkeln verwehrt wird. Sie treffen sich einmal im Monat, um sich auszutauschen, gegenseitig zu trösten und auch um Beratung zu bekommen. Annemie Wittgen leitet die Gruppe der Bundesinitiative Großeltern. Die 68-Jährige kennt sich aus mit dem Thema, weil sie selber einmal eine verlassene Oma war. Sie weiß um die rechtliche Situation von Großeltern, denen ihre Enkel entzogen werden. Sie kann nachfühlen, wie verzweifelt sie sind – und auch, was es für die Kinder bedeutet, wenn Oma und Opa plötzlich nicht mehr auftauchen. 

In Deutschland werden jährlich 150  000 Kinder von einem Teil der Familie getrennt, meistens dann, wenn die Eltern auseinandergehen oder wenn ein Elternteil stirbt. Oft sind aber auch Familienkonflikte der Grund, warum die Großeltern aus dem Leben ihrer Enkel verbannt werden. „Die Kinder leiden“, sagt Annemie Wittgen. „Wenn sie noch jünger sind, verstehen sie das nicht: Mama und Papa trennen sich und jetzt kommen auch Oma und Opa nicht mehr.“ Manchmal suchen sie die Schuld bei sich, manchmal werden sie misstrauisch gegenüber Familienmitgliedern, viele leiden unter Trennungsängsten, manche werden traumatisiert. „Auf keinen Fall sollten Kinder in den Streit der Eltern einbezogen oder instrumentalisiert werden“, mahnt Annemie Wittgen.

Doppelter Schmerz

Edith Miller hat gelernt, sich abzugrenzen, mit den Vorwürfen und Anfeindungen umzugehen, ohne darunter zusammenzubrechen. Das gelingt nicht allen. Annemie Wittgen sagt, der Entzug der geliebten Enkelkinder führt bei vielen der Betroffenen zu physischen und psychischen Krankheiten, Depression ist eine davon, Schlafstörungen fast die Regel. „Davor muss man sich schützen“, hält sie fest. Das Ehepaar Cos, 67 und 69 Jahre alt, kommt regelmäßig in die Gruppe. Sie trauern um ihren einzigen Sohn, der vor drei Jahren am plötzlichen Herztod gestorben ist – mit 39 Jahren. Er hinterließ zwei kleine Kinder, anderthalb und vier Jahre alt. Die Großeltern hatten eine lebendige Beziehung zu ihren Enkeln. Als die Kinder ihren Vater verloren, wollten ihre Großeltern für sie da sein, sie trösten. Aber die Schwiegertochter wandte sich von ihnen ab. In einer knappen E-Mail erklärte sie, die Beziehung sei zerrüttet. Für die trauernden Eltern ist das Verhalten der Schwiegertochter bis heute nicht nachvollziehbar. Es schmerzt sie, dass sie die Kinder nicht mehr sehen dürfen. „Wir wären jetzt so wichtig für sie“, sagt Ulrike Cos. Sie macht eine Pause beim Sprechen, schluckt. Und dann, lauter: „Wir wissen gar nicht, ob sie überhaupt noch über unseren Sohn Michael sprechen!“

Die Gruppe diskutiert, ob es in diesem Fall sinnvoll wäre, vor Gericht zu ziehen. Die Frage stellt sich irgendwann für die meisten. „Wir wollen doch unseren Enkeln später sagen können, dass wir mit allen Mitteln um sie gekämpft haben“, sagt eine Frau, die ihre Enkelin seit deren zweitem Geburtstag nicht mehr gesehen hat. Das Mädchen ist inzwischen dreieinhalb. Andererseits wissen sie, dass Druck immer zu noch mehr Widerstand führt. Die Angst, die Enkel durch einen qualvollen Prozess endgültig zu verlieren, sitzt tief. Manche Großeltern schämen sich auch, mit ihrem Leid an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie glauben, persönlich versagt zu haben.

Annemie Wittgen verteilt Kontaktadressen von Beratungsstellen, Anwälten und Gutachtern. Sie kämpft dafür, dass die Großeltern Gehör finden, in der Öffentlichkeit, bei den Behörden, vor den Gerichten. Neben den Eltern sind die Großeltern von klein auf die wichtigsten Bezugspersonen für die Kinder. Gerade in Krisenzeiten bieten sie einen ruhenden Pol. Und: Sie repräsentieren die Wurzeln des Kindes. Man kann es auch ganz einfach mit Annemie Wittgens Worten sagen: „Wir lieben unsere Enkelkinder, und sie brauchen uns.“ Die Burkhards möchten ihrem Enkel nun einen Brief schreiben, mit dem sie ihm sagen, dass sie ihn vermissen und an ihn denken. Sie hoffen, dass er den Jungen erreicht.

Vielen Großeltern fällt es schwer, dass sie ihre Enkelkinder nicht mehr sehen können© fotolia
Vielen Großeltern fällt es schwer, dass sie ihre Enkelkinder nicht mehr sehen können

Familien vor dem Richter
„Kinder brauchen ihre Großeltern, und sie haben ein Recht auf sie.“ Im §1685 BGB ist ein Umgangsrecht für Großeltern vorgesehen, solange das Zusammensein mit den Enkeln deren Wohle dient.
Sabine und Peter Burkhard haben dem Wohl ihres Enkels gedient. Von Geburt an hat der Junge überwiegend bei seinen Großeltern gelebt, weil seine Eltern sich nicht um ihn kümmern konnten. Sein Vater, der Sohn der Burkhards, und dessen Frau leben in einem sozialen Brennpunkt, sind psychisch krank und drogenabhängig. „Wir haben uns um den Kleinen gekümmert, bis er achteinhalb war, und die Familie unterstützt, um sie vor dem Absturz zu bewahren“, sagt Peter Burkhard. Dann schaffte sich die Schwiegertochter Kampfhunde an. Die Großeltern suchten Rat beim Jugendamt. „Das war ein Fehler“, stellt Sabine Burkhard fest. Die Eltern verboten den Großeltern jeden Kontakt zu dem Jungen. Das ist jetzt zwei Jahre her.

Die Burkhards klagten ihr Umgangsrecht ein, doch die Klage wurde abgewiesen. Das Ehepaar verzweifelt an der Situation, das alles macht sie krank. Sie wissen, dass ihr Enkelsohn vernachlässigt wird. Inzwischen wird er mit Psychopharmaka behandelt. Er sei aggressiv geworden, erzählen sie. Nach einer Zwangsräumung der elterlichen Wohnung verlor er auch noch seinen Lebensmittelpunkt in der Nähe seiner Großeltern. Sabine Burkhard weint, als sie davon erzählt.

„Hier fließen viele Tränen“, sagt Annemie Wittgen. Bei den Problemen im Umgang mit den Enkeln geht es immer um Konflikte der gesamten Familie. Oft sind die Fronten zwischen Eltern und erwachsenen Kindern verhärtet, manche treten vor Gericht gegeneinander an. Die Wunden sind immer tief. In der Selbsthilfegruppe sitzen die Großeltern um einen langen Tisch bei Kaffee und Keksen zusammen. Ein Stein geht von Hand zu Hand; wer ihn hat, erzählt seine Geschichte. Alle nehmen Anteil, hören einander aufmerksam zu, drücken sich die Hände oder umarmen sich innig. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft, verbunden durch die Trauer um ihre verlorenen Enkelkinder. Die meisten Teilnehmer möchten nicht mit ihren richtigen Namen in die Öffentlichkeit gehen, weil sie befürchten, die „gegnerische Partei“ zu verärgern. Die Devise lautet: Bloß nichts Falsches sagen oder Missverständnisse riskieren. Für die kleinste Chance, das Enkelkind zu sehen, stellen sie ihre Enttäuschung über das Verhalten ihrer Kinder oder Schwiegerkinder zurück.

Edith Miller ist an der Reihe. „Ich habe gute Nachrichten“, tut sie den Anderen kund und erntet freudestrahlende Gesichter. Sie erzählt, dass ihre Tochter ein kleines Mädchen bekam und sie, die Großmutter, nicht darüber informiert wurde. Aber sie erkannte, dass der Grund für die Ablehnung ihrer Tochter bei ihr selbst liegen müsste. „Ich habe viel an mir gearbeitet, Seminare über Beziehungsarbeit und gewaltfreie Kommunikation besucht.“ Schließlich fand sie zu Erkenntnissen, die ihr halfen, wieder in Kontakt zu ihrer Tochter zu treten. „Sie hat ihre Wahrheit und ich habe meine. Es bringt nichts, dem anderen immer wieder seine Meinung zu sagen. Das endet in einer Patt-Situation, und man kommt keinen Schritt weiter.“ Also schrieb die 68-Jährige einen Brief: „Ich leide, du leidest. Lass uns das ändern.“ Sie lud ihre Tochter zum Geburtstag ein – und siehe da, plötzlich stand sie mit dem Baby am Gartentor. Es ist noch längst nicht alles gut, aber es ist ein zartes Pflänzchen, das vorsichtig gepflegt werden muss.

Oft müssen Großeltern lange aushalten, bis sie ihr Recht geltend machen können© fotolia
Oft müssen Großeltern lange aushalten, bis sie ihr Recht geltend machen können

Doppelter Schmerz
Edith Miller hat gelernt, sich abzugrenzen, mit den Vorwürfen und Anfeindungen umzugehen, ohne darunter zusammenzubrechen. Das gelingt nicht allen. Annemie Wittgen sagt, der Entzug der geliebten Enkelkinder führt bei vielen der Betroffenen zu physischen und psychischen Krankheiten, Depression ist eine davon, Schlafstörungen fast die Regel. „Davor muss man sich schützen“, hält sie fest. Das Ehepaar Cos, 67 und 69 Jahre alt, kommt regelmäßig in die Gruppe. Sie trauern um ihren einzigen Sohn, der vor drei Jahren am plötzlichen Herztod gestorben ist – mit 39 Jahren. Er hinterließ zwei kleine Kinder, anderthalb und vier Jahre alt. Die Großeltern hatten eine lebendige Beziehung zu ihren Enkeln. Als die Kinder ihren Vater verloren, wollten ihre Großeltern für sie da sein, sie trösten. Aber die Schwiegertochter wandte sich von ihnen ab. In einer knappen E-Mail erklärte sie, die Beziehung sei zerrüttet. Für die trauernden Eltern ist das Verhalten der Schwiegertochter bis heute nicht nachvollziehbar. Es schmerzt sie, dass sie die Kinder nicht mehr sehen dürfen. „Wir wären jetzt so wichtig für sie“, sagt Ulrike Cos. Sie macht eine Pause beim Sprechen, schluckt. Und dann, lauter: „Wir wissen gar nicht, ob sie überhaupt noch über unseren Sohn Michael sprechen!“

Die Gruppe diskutiert, ob es in diesem Fall sinnvoll wäre, vor Gericht zu ziehen. Die Frage stellt sich irgendwann für die meisten. „Wir wollen doch unseren Enkeln später sagen können, dass wir mit allen Mitteln um sie gekämpft haben“, sagt eine Frau, die ihre Enkelin seit deren zweitem Geburtstag nicht mehr gesehen hat. Das Mädchen ist inzwischen dreieinhalb. Andererseits wissen sie, dass Druck immer zu noch mehr Widerstand führt. Die Angst, die Enkel durch einen qualvollen Prozess endgültig zu verlieren, sitzt tief. Manche Großeltern schämen sich auch, mit ihrem Leid an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sie glauben, persönlich versagt zu haben.

Annemie Wittgen verteilt Kontaktadressen von Beratungsstellen, Anwälten und Gutachtern. Sie kämpft dafür, dass die Großeltern Gehör finden, in der Öffentlichkeit, bei den Behörden, vor den Gerichten. Neben den Eltern sind die Großeltern von klein auf die wichtigsten Bezugspersonen für die Kinder. Gerade in Krisenzeiten bieten sie einen ruhenden Pol. Und: Sie repräsentieren die Wurzeln des Kindes. Man kann es auch ganz einfach mit Annemie Wittgens Worten sagen: „Wir lieben unsere Enkelkinder, und sie brauchen uns.“ Die Burkhards möchten ihrem Enkel nun einen Brief schreiben, mit dem sie ihm sagen, dass sie ihn vermissen und an ihn denken. Sie hoffen, dass er den Jungen erreicht.

Anna Papathanasiou

Oktober 2016

Lesen Sie zum Thema ein Interview mit Barbara Bosshard-Melzer, Fachanwältin für Familienrecht, in der Oktoberausgabe des stadtgottes-Magazins.

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